Haydn 2009
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»Haydn-Destillate
Das Finale von Haydns Streichquartett op.33, auch ‚The Joke’ genannt, ist in zweierlei Hinsicht kühn und vorausweisend. Zum einen als ein erstes Stück Minimal Music: ein achttaktiges Thema in rasendem 6/8-Takt, bestehend aus vier Gruppen, die alle Varianten der ersten sind, und diese wiederum aus vier Motiven, nochmals Varianten des ersten. Die erste Gruppe kann sowohl ein Anfang als auch ein Ende bedeuten.
Die Gesamtform ist schematisch aa ba ba c ab ac a a’, wobei die Kontrastteile b und c auch aus a-Materialien abgeleitet sind. Also ein atemlos dahinhastendes Spiel der Varianten der Varianten der Varianten, in dem man alsbald jegliche Orientierung verliert - allenfalls der siebenmalige Neuansatz des a-Achttakters strukturiert das unentwegte Kreisen.
Tatsächlich ist der formale Ablauf eher: ab ab ac ab ac aa, denn von jeder a-Zelle gehen jeweils Anläufe aus, ein jeglicher am Ende in ein crescendo mündend. Nach dem Höhepunkt aber folgt stets eine Pause, mal kleiner, mal größer, gar übergroß. Also immer wieder ein Anrennen quasi gegen eine Wand, und dann muss es nochmals probiert werden und nochmals - ein irrwitziger Kreislauf.
Der freilich durch die Pausen/Fermaten aufgehalten, ja gestört wird - kleine oder auch große Schocks: was geschieht nun? Aber sie bedeuten ambivalent auch Ermattung oder Luft/Kraftholen für den nächsten Run. Im Gesamtverlauf des Stücks werden sie indes zunehmend zu Löchern, zumal sie gegen Ende immer größer und bedrohlicher werden. Der Schluss ist ohnehin katastrophisch. Und ambivalent: die Anfangsformel, die nach der längsten Pause nochmals - zum x-ten Male - gespenstisch wiederkommt, erweist sich nun auch als Schlussformel, somit als Endpunkt. Freilich könnte es doch wieder von vorn und weiter losgehen. Und so eröffnet der Schluss das größte Loch einer virtuellen Unendlichkeit - in die allerdings meist der erlösende Beifall prasselt.

Die Haydn-Destillate basieren auf solchen Hörerfahrungen und einer analytischen Sicht des genialen Finales. Es gibt zwei Durchgänge:

I ist Kom-position, Zusammensetzung der rhythmischen, motivischen und klanglichen Elemente von Haydns Stück, insgesamt aber Verdeutlichung seiner Zeitstruktur, durchzogen von den geräuschhaften Haltezonen der Fermaten.

II ist eher Dekomposition. Die zu Anfang kompakte motivische Struktur wird im Lauf des Stückes immer verwaschener, derweil die Anläufe immer komplexer, quasi verzweifelter werden. Der Schluss ist dann gänzliche Ermattung und - Verschwinden.

Die Klanglichkeit der Destillate ist durchaus haydnsch, aber doch ins Heutige gewandt, wie ja schon die Transkription des monochromen Quartettklangs in den Klaviertrios buntere Farbigkeit verspricht.
Jedenfalls ist Haydns Finale ein repetitives Stück fortwährender Irritation - ein rasender Wahnsinn. Dass man das verrückte Werk einerseits wegen der fortwährenden Verblüffungen adäquat als Witz auffasste, ist andererseits wohl auch Abwehr, zumal in jedem Scherz etwas Unheimliches steckt. Dieses Stück aber ist ohne Anfang und Ende (was man freilich erst hinterher merkt). Das aber erscheint denn doch ein Witz zu sein - und darob abgrundtief lustig. Auch davon handeln die Destillate womöglich.«

(Dieter Schnebel)